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Geduld und Gefühlswirrwarr: Workshop in Strohdehne

Workshop Strohdehne 1Am Wochenende hab ich erfahren, dass Melanie meine Schwester ist, Marie jetzt auf der Straße lebt, Saras Leben sich im Moment nur um das Reinigen von Klos dreht, Vanessas Freund wahrscheinlich tot ist und Marcel ab jetzt auch nur noch auf Ausschnitte achtet. Meine Reaktion darauf war simpel und doch musste ich meine volle Konzentration darauf richten: Ich habe 47mal ein- und dasselbe Glas in ein- und denselben Schrank gestellt. Hintereinander. Kann ich empfehlen. Hat mich weitergebracht.
Workshop Strohdehne 2Am Wochenende bin ich unter der Leitung von Frau Ludwig nach Strohdehne im Havelland zu einem Schauspiel- Workshop gefahren. Ziel war es, eine Szene zu proben, vorzubereiten und zu drehen. Frau Ludwig teilte uns in 3 Gruppen auf. Sara und Marie bekamen einen Dialog aus dem Musical „Linie 1“, Vanessa sollte einen verzweifelten Monolog erarbeiten und Melanie und ich bekamen eine Filmszene, in der nicht klar war, wer die Personen waren und was ihre eigentliche Intention war. Marcel war mitgekommen, um sich um die Kamera zu kümmern. Nur die Kamera. Wenn man ihn nach konstruktiver Kritik fragte, kam also nur: „´Tschuldigung, ich hab nur auf den Ausschnitt geachtet.“ Workshop Strohdehne 3Da wir Samstag die Szene von Melanie und mir abgedreht haben wollten, mussten wir ordentlich reinhauen. Als erstes beschlossen wir, dass es sich bei unseren Figuren um Schwestern handeln sollte. Melanie, die kleine Schwester, die sich gerade das erste Mal verliebte und ich die Große, die alles darüber wissen wollte. Das passte zum Text. Aber trotzdem war nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Im Text wechselten die beiden Mädchen verletzende, entschuldigende und zickende Worte, ohne Erklärung hintereinander weg. Melanie und ich mussten uns also über die Ziele unserer Personen klar werden. Heraus kam ein hübsches Gefühlswirrwar, das durch flehende, bissige, amüsierte Blicke, sowie solche, die töten könnten, in Marcels perfektionierten Ausschnitt gefüllt werden sollte. Um das zu schaffen, brauchten wir Zeit und Geduld. Aber als ich das Glas dann zum 47. Mal in den Schrank gestellt hatte, war‘s vollbracht. Die erste Szene war abgedreht. Es war schon 19 Uhr. Da alle erschöpft und fast verhungert waren, gab es erstmal eine riesige, delikate Portion Spaghetti, gemütliches Beisammensitzen und Konversationen, die sogar noch delikater waren als das Essen. Danach entschlossen wir uns kurzerhand, auch noch Vanessas Monolog zu drehen, der so verzweifelt geworden war, dass wir alle das Gefühl hatten, Vanessas Figur bilde sich nur ein, mit ihrem Freund zu telefonieren, weil dieser schon tot sei. Um 1 Uhr, bei Drehschluss, wurde der exquisit prickelnde, alkoholfreie Sekt aufgemacht und dann versenkten sich alle in monströse Daunenkissen.
Workshop Strohdehne 4Am nächsten Morgen gab‘s erstmal ein Frühstück, nachdem die meisten nicht mehr wussten, ob sie noch im Stande waren zu laufen. Trotzdem kugelten wir uns in die Scheune, um Maries und Saras Szene festzuhalten. Die beiden schafften es, über die Erfahrungen und Hoffnungen ihrer Figuren, die so anders waren als sie selbst, in einer Art zu reden, dass man das Gefühl hatte, überall dabei gewesen zu sein.
Workshop Strohdehne 5Am Wochenende hab ich verstanden, dass eine Figur, die ich spiele, nicht nur das in sich trägt, was sie sagt, zeigt und erzählt. Um diese große Schwester Laura zu spielen, musste ich durch sie hindurch sehen. Mir musste nicht nur ihr Ziel klar sein, sondern in jeder Sekunde auch, was sie verliert, wenn sie es nicht erreicht. Schauspiel- Workshop in Strodehne. Kann ich empfehlen. Hat mich weitergebracht.

Franziska, März 2010